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«Der Entwurf bestand darin, Regeln für eine graduelle Transformation zu konzipieren»

Bildnachweis: www.holcimfoundation.org

Kees Christiaanse, Architekt, Urbanist und Professor für Architektur und Städtebau an der ETH Zürich, spricht mit Fabienne Hoelzel über offene Stadtstrukturen, soziale und kulturelle Koexistenz sowie Stadterneuerung und informelle Prozesse. Er kuratiert die
4. Internationale Architekturbiennale Rotterdam. Die Ausstellung trägt den Titel Open City – Designing Coexistence und wird am
24. September 2009 im Netherlands Architecture Institute (NAI) eröffnet.

Kees, der suggestive Titel der von dir kuratierten Biennale lautet Open City, der nicht leicht verständliche dazugehörige Untertitel Designing Coexistence. Ich möchte mich mit dir zunächst über Koexistenz unterhalten.

Wir haben den Untertitel Designing Coexistence wegen seiner emblematischen Kraft gewählt. Natürlich, man sollte sich nicht einbilden, Koexistenz entwerfen zu können. Trotzdem sind wir durchaus in der Lage urbane Strukturen zu erkennen und zu benennen, die für ein fruchtbares Zusammenleben von unterschiedlichen sozialen Gruppen geeignet sind – und welche nicht oder zumindest weniger. Ganz einfach formuliert suchen wir Instrumente, die einen Nährboden für eine produktive Urbanität erzeugen. Open City ist keine fixierte Stadtvision, sondern ein Zustand eines Stadtteils, ein Gleichgewicht zwischen integrierenden und auflösenden Kräften.

Du sagst, wir können Koexistenz nicht entwerfen, erwähnst aber gleichzeitig Instrumente, die das tun können. An welche Massnahmen und Prozesse denkst du hierbei, als praktizierender Städtebauer?

Ich bin der Ansicht, dass wir Strukturen entwerfen können, die eine positive oder katalysierende Wirkung auf Koexistenz haben. Wir wissen heute genug über die Stadt und welche Strukturen in bestimmten Bedingungen besser funktionieren als andere. Wir können den Wachstumsprozess von Städten aber nach wie vor nicht beherrschen, noch können wir den Entwurfsprozess richtig kontrollieren. Dennoch sind wir eindeutig in der Lage, den gemeinsamen Nenner von Eigenschaften zu skizzieren, der zu gut funktionierenden Quartieren führt. Eine der wichtigsten Eigenschaften ist das Netzwerk und das System von öffentlichen Räumen. Wenn die aktivierende Wirkung und Kommunikationsfähigkeit dieser Systeme nicht gut ist, funktioniert die Stadt nicht. Die Erreichbarkeit und Mobilität in der Stadt zwischen Fussgängerräumen, öffentlichen Verkehrssystemen und Individualverkehr stehen in einem delikaten Gleichgewicht. Quartiere, welche das Auto komplett verbannen, sterben aus. Auf der anderen Seite tötet unregulierter Verkehr die Umgebung. Städte funktionieren ganz klar durch die Tugend der Mobilität. Quartiers- und Gebäudetypologien sollen an dieses Netz andocken, das stimuliert eine gegenseitige Aktivierung.

Wie hängen Stadt und Quartier zusammen?

Jane Jacobs beschreibt den städtischen Massstabssprung in drei Kategorien: erstens die Strasse und ihre Umgebung, zweitens das Quartier und drittens die gesamte Stadt. Sie war eine der Ersten, die sagte, dass die Stadt auch ein Quartier ist. Sie definiert das Quartier als eine Art von «städtischem Versorgungsmass». Die Stadt als Ganzes ist auch ein Quartier, weil grosse öffentliche Nutzungen wie die eines Opernhauses, eines Museums, eines Krankenhauses oder des Rathauses nur einmal vorkommen. Sie ist daher nicht, wie viele denken, eine «kleinmassstäbliche Fussgängergerechtigkeits-Denkerin», sondern hat eine ganz sensible Idee bezüglich des Spektrums zwischen Strasse und Stadt entwickelt. Die meisten Menschen leben mit einer mentalen Karte dieser drei Kategorien im Kopf.

Gibt es Beispiele von solchen Quartieren?

Es ist naheliegend, erfolgreiche Quartiere wie den Prenzlauer Berg in Berlin, den alten Westen in Rotterdam, gewisse Teile von Brooklyn in New York, Queen-Street-West in Toronto, De Pijp in Amsterdam, Teile von East London oder Abschnitte im Zürcher Kreis 5 zu nennen. Diese Quartiere sind divers, haben eine gewisse Nutzungsmischung, eine innovative Atmosphäre und ein feinmaschiges Strassennetz. Im French-Concession-Quartier in Shanghai oder in bestimmten Quartieren von Istanbul oder Beirut kann man Kennzeichen der Offenen Stadt ebenfalls entdecken. In einem gewissen Sinne kann man zum Beispiel auch die ganze Randstad Holland als Offene Stadt bezeichnen; u.a. wegen der Möglichkeit, sich überall niederlassen zu können, wegen der Verfügbarkeit hochwertiger Mobilität, der daraus folgenden Erreichbarkeit bis in die entferntesten Ecken der Agglomeration und nicht zuletzt aufgrund der daraus entstehenden Interaktion und wirtschaftlichen Aktivität.

Du hast Asien erwähnt, Europa, Nordamerika. Heisst das, die Offene Stadt ist ein weltweit vorkommender urbaner Zustand?

Ja, die Offene Stadt ist kulturunabhängig, weil sie ja produktive Aktivierungen und Synergien beschreibt. Sie kommt in der komplementären Beziehung zwischen Slums und gated communities in Istanbul oder Jakarta, in der Transformation der sozialistischen Stadt von der Plan- in die Marktwirtschaft in der Peripherie von Moskau, in der Versöhnung zwischen dem Formellen und Informellen in den Favelas von Sao Paolo und nach einigen Jahren sogar in new towns wie Milton Keynes oder Almere vor. Man kann daher nicht behaupten, dass nur in Quartieren aus dem 19. Jahrhundert in einer westlichen Sozialdemokratie ein Zustand von Open City bestehen kann.

Europa und Nordamerika sind sehr stark formalisiert; sogar die (Partizipations-) Prozesse sind formalisiert. Glaubst du, dass Offene Stadt durch Regeln stimuliert werden könnte, die informelle Aktivitäten und Prozesse erlauben oder gar verlangen – als Teil des städtebaulichen Entwurfs?

Die Antwort ist ein entschiedenes Ja. Ich kann es sogar beweisen! Wir haben in Rotterdam das Gebiet Wijnhaven entworfen, wo Hochhäuser auf grossen Häuserblocks stehen. Wir haben nicht viel entworfen, sondern vielmehr Transformationsregeln aufgestellt. Die Regeln lassen viel Freiraum, aber sie garantieren eine gewisse formale und funktionale Charakteristik. Im Übrigen können Projektentwicklerinnen und Grundstückbesitzer informell und innerhalb der Regeln tun, was sie wollen. Die Art und Weise, wie in einigen südamerikanischen Ländern über eine Aufwertung der Slums nachgedacht wird, finde ich eine ausgesprochen intelligente Neubetrachtung der Beziehungen zwischen dem Formellen und dem Informellen. Es ist verbunden mit einem sehr starken Anliegen nach guter Architektur und aufmerksam gegenüber sozialen, ökonomischen und kulturellen Aspekten. Der ganze Prozess ist integral, weil er auch das Stakeholder-Management mit einbezieht. Wir versuchen im Rahmen der Rotterdam-Biennale solche Prozesse mitzutragen oder gar zu initiieren.

Kees Christiaanse, Professor für Architektur und Städtebau im NSL, war von 1980 bis 1989 Partner bei OMA (Office for Metropolitan Architecture) und gründete 1989 sein eigenes Büro KCAP, das heute rund 75 Mitarbeitende und Niederlassungen in Rotterdam, Zürich und London hat.