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«Die Anliegen und Sorgen der betroffenen Regionen haben noch keine grosse Beachtung gefunden.»

«Die Anliegen und Sorgen der betroffenen Regionen haben noch keine grosse Beachtung gefunden.»

Die Alpentransversale entlang des Korridors Rotterdam – Genua stellt zahlreiche beteiligte Regionen vor Probleme. Das Projekt Code 24 nimmt sich dieser grossen Aufgabe an. Der Projektverantwortliche Felix Günther beantwortet hierzu für uns die Kernfragen.

CODE24 hat sich zum Ziel gesetzt, eine integrierte Infrastruktur- und Raumentwicklung entlang dem Korridor 24 zu fördern. Was bedeutet das?

Der Korridor Rotterdam – Genua ist bedeutend für den Warentransport in Europa. Es leben aber auch viele BewohnerInnen entlang dieser Transitachse. Die schweizerische Politik hat sich mit der Verlagerung der Güterströme, dem sogenannten Verlagerungsziel, beschäftigt, die Europäische Union mit der Vereinfachung des Betriebs über die Grenzen hinweg, dem Steuerungssystem ERTMS. Die Anliegen und Sorgen der betroffenen Regionen haben dagegen noch keine grosse Beachtung gefunden. Diese manifestieren sich jetzt aber an verschiedenen Stellen entlang der Achse, etwa am südlichen Oberrhein oder am Mittelrhein, wo sich die BewohnerInnen gegen die Ausbaupläne der Bahn wehren. Code 24 versucht den Austausch zwischen den betroffenen Regionen zu fördern und deren Einfluss auf der nationalen und europäischen Ebene zu verstärken.

Das Projekt Code24 startete im Mai 2010. Welches sind die Ziele der ersten Phasen der Arbeit?

Wir haben das Projekt mit einer Konferenz im Mai in Mannheim gestartet. Dabei ist ein Ziel dieser ersten Phase bereits erreicht worden, nämlich mit Publizität das Bewusstsein für die Fragestellungen entlang der Achse zu erhöhen. Gegen 300 Personen kamen nach Mannheim und haben sich für das Thema interessiert gezeigt. Wir von der ETH erreichen unsere wichtigste Phase und Arbeit auch gleich am Anfang: Wir erarbeiten eine Übersicht über die raumplanerischen Fragen entlang des Korridors, die wir den PartnerInnen zur Verfügung stellen. Diese Übersicht gibt es erstaunlicherweise heute noch nicht, obwohl der Korridor entlang des wirtschaftlichen Herzstücks von Europa verläuft.

Im Rahmen des Projektes wurden Workshops in sieben europäischen Regionen durchgeführt. Was war die Reaktion der lokalen AkteurInnen? Was sind die wiederkehrenden Themen?

Um den Sachstand entlang des Korridors aufzunehmen, haben wir zehn regionale Workshops entlang der ganzen Achse geplant und zum Teil auch schon durchgeführt. Diese Workshops haben uns geholfen, in kurzer Zeit mit einer grossen Anzahl AkteurInnen in Kontakt zu kommen und ihr Wissen für unsere Übersicht nutzbar zu machen. Das Echo war überwiegend gut, pro Workshop sind zwischen 20 und 30 Personen gekommen. Dabei haben wir gesehen, dass natürlich wie erwartet die mangelnde Finanzierung der lokal gewünschten Projekte überall ein zentrales Thema ist, aber auch Fragen des Lärmschutzes für die betroffenen Siedlungen, die Konkurrenz zwischen dem regionalen Personenverkehr und dem Güterverkehr und die fehlenden raumplanerischen Konzepte für die Logistik.

Der Korridor ist aus europäischer Sicht als Güterkorridor geplant: ist das die Zukunft dieser Achse?

Die Bedeutung des Korridors für den Güterverkehr ist sicher sehr bedeutend. Wir sollten aber nicht vergessen, dass entlang des Korridors auch viele Leute wohnen. Die Regionen haben die Entwicklungsschwerpunkte ihrer Siedlungen auf den öffentlichen Verkehr ausgerichtet. Dies soll auch in Zukunft möglich sein, wenn sie nicht von Autos abhängig sein wollen. Die Umsetzung dieses wichtigen Ziels der Raumentwicklung ist heute gefährdet, wenn das Wachstum des Güterverkehrs bei gleichzeitig fehlenden Ressourcen für den Ausbau zunimmt, und zwar nicht nur in der Schweiz. Nicht vergessen dürfen wir auch die Frage der Geschwindigkeit. Die Länder um uns herum investieren in die schnellen Verbindungen zwischen Städten, auch als Ersatz für den Luftverkehr. Auch hier sollte sich die Schweiz die Möglichkeit offen halten, sich in Zukunft zu profilieren.

In vielen Städten und Regionen in Europa und in der Schweiz gibt es eine niedrige Akzeptanz für den weiteren Ausbau von Infrastrukturen. Beschäftigt sich das Projekt mit diesem Thema?

Diese Frage steht für uns natürlich im Herzen der ganzen Arbeit. Wir möchten aber nicht Überzeugungsarbeit leisten um die bestehenden Projekte möglichst einfach umzusetzen, sondern es sollen zusammen mit den betroffenen Regionen neue Lösungen gefunden werden, wie die Infrastrukturen integriert werden können. Auch wir werden ab nächstem Jahr die Fragen nicht nur theoretisch behandeln, sondern mit einer Region eine mögliche Umsetzung als Pilotverfahren überprüfen. Dies wird im besonders wichtigen Abschnitt zwischen der niederländischen Neubaustrecke (Betuwelinie) und dem deutschen Streckennetz durchgeführt, wo ein Ausbau der bestehenden Strecke mitten durch bewohnte Gebiete geplant ist. Dabei ist insbesondere interessant, dass dort ländliche Gemeinden, wie auch Agglomerationen und städtische Siedlungen des Ruhrgebietes betroffen sind.

Bei dem Projekt machen sechs Universitäten und Forschungsinstitute mit. Welche Fachbereiche sind beteiligt und welche Synergien/Aktivitäten kann man gemeinsam fortführen? Welches sind die Vorteile dieser interdisziplinären Arbeit?

Wir arbeiten mit Instituten für Raumentwicklung in Turin (Siti) und Holland (Utrecht) wie auch mit den SpezialistInnen für Logistik in Duisburg-Essen und für Ökonomie in Kehl zusammen. Dabei profitieren wir einerseits vom Know-how der verschiedenen Fachgebiete, die uns helfen, verschiedene Aspekte der Korridor-Problematik auszuleuchten. Andererseits lernen wir auch die verschiedenen rechtlichen und politischen Systeme der anderen Länder kennen und lernen aus den Vergleichen.

Kontakt: Felix Günther
Webseite Code24
Das Interview wurde von Ilaria Tosoni geführt.