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Den Tiber umschliessen – Massstäblichkeiten eines Flusses

Den Tiber umschliessen – Massstäblichkeiten eines Flusses

Im letzten Entwurfssemester beschäftigten sich die Studierenden der Professur Günther Vogt mit dem Tiber und dessen brachliegenden Ufern inmitten Roms. Die Aufgabe bestand in der Transformation der Perimeter in metropolitane, öffentliche Räume und beinhaltete die Fragestellung, wie und inwieweit die starke Isolation zwischen Stadt- und Flussraum aufgehoben werden kann.

Um diese lokal angelegte Fragestellung diskutieren zu können, war die Öffnung des Blicks auf die gesamte «geografische» Situation des Flusses notwendig. Der Tiber, der in dem 405 km langen Lauf von seinem Ursprung am Monte Fumaiolo im emilio-toskanischen Apennin südwärts die Wasser eines 17 000 m2 grossen Einzugsgebiets an der tyrrhenischen Flanke des Gebirgsrückens aufnimmt und zwischen Ostia und Fiumicino ins Meer mündet, ist ein heftig aufwallendes Gewässer. Dies zeigt sich im Zentrum Roms durch die klare Differenz zwischen dem Minimum der Wasserführung von 100 m3/s und dem Maximum von 3300 m3/s. Erst Ende des 19. Jahrhunderts vermochte Raffaele Canevari mit einem massiven Ingenieurbauwerk, dem Lungotevere (hohe Kaimauern) und der Freiräumung des Flusses, das Hochwasserproblem endgültig zu lösen, mit dem sich Rom seit seiner Gründung immer wieder konfrontiert sah. 



Einige der Studierenden machten die Hochwasserproblematik zur Grundlage ihres landschaftsarchitektonischen und städtebaulichen Entwurfs und erarbeiteten Lösungsvorschläge, die nicht wie das Projekt Canevaris ausschliesslich lokal funktionierten, sondern auf einem regionalen Massstab ansetzten. Sie verlagerten die Regulation des Tibers aus der Stadt und schufen mit dieser Massnahme überhaupt erst die Möglichkeit, die Isolation zwischen Stadt- und Flussraum aufzuheben um in einem weitern Schritt kleinmassstäblich entwerfen zu können. In welchen räumlichen Dimensionen sich solche Interventionen bewegen, zeigte eine der Arbeiten deutlich auf. Das Projekt schlug im Metropolitanraum Roms eine neue Landschaft vor, die über ein System von unterschiedlich grossen Seen funktionierte und erst so die erforderlichen Wassermengen aufzufangen vermochte, um die grossen innerstädtischen Schwankungen des Tibers auszugleichen.



Dieses Oszillieren zwischen lokalen Interventionen und überregionalen Konzepten erwies sich während der Debatte um mögliche Vorschläge als erfolgsversprechendes Vorgehen. Eine Strategie, die vom ambivalenten Verhältnis zwischen präzisem Hinsehen und der Öffnung des Blicks lebt und erst dadurch eine umfassende Betrachtung der Situation ermöglicht.



Eine Auswahl der Arbeiten der Studierenden finden Sie im Jahrbuch 2011 des Departementes für Architektur der ETH Zürich oder auf der Internetseite der Professur Günther Vogt.

Thomas Kissling