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Bezahlbarer Wohnraum fordert soziale Gerechtigkeit

Bezahlbarer Wohnraum fordert soziale Gerechtigkeit
Schnell, simpel und billig gebaut ergibt bezahlbaren Wohnraum? Ein Trugschluss. Bezahlbaren und guten Wohnraum bieten vielmehr Bauten, die ökonomisch und architektonisch sinnvoll sind und soziale Qualität besitzen. Auf der anderen Seite stellt sich bei kostengünstigem Wohnraum auch die Frage nach dem gerechten Preis. 

Wann ist ein Mietzins angemessen? Wann ist er gerecht? Die Lohnschere zwischen den Einkommensgruppen öffnet sich seit Jahren immer weiter. Das Bundesamt für Statistik BFS meldete Ende 2015, dass zwischen den 10 % der am schlechtesten und jenen der am besten bezahlten Erwerbstätigen ein Verhältnis von 1 zu 2,6 besteht. Wobei bei der Lohnstrukturerhebung des BFS die hohen Einkommen der Topverdiener nicht eingerechnet werden. Zwischen 2006 und 2012 stiegen die untersten 10 Prozent der Erwerbseinkommen um gerade mal 4,5% oder 173 Franken pro Monat, die obersten 10% aber um 14,1% oder 1450 Franken.

Dieses Auseinanderdriften der Löhne und die einseitige Verteilung des Vermögens bedrohen den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das soziale Zusammenleben in der Schweiz. Wenn wir in Zukunft nicht in einer Zwei-Klassen-Gesellschaft leben wollen, gehören der gerechte Preis für das Wohnen und der auf lange Sicht gesicherte kostengünstige Wohnraum als Teil einer Wohnpolitik zu den zentralen Fragen einer demokratischen Gesellschaft.

Doch was verstehen wir unter gerechtem Preis bzw. wann ist eine Miete angemessen?

Eine gesellschaftlich verantwortungsvolle Auffassung setzt das Verhältnis des Aufwands für das Wohnen in Relation zum Netto-Haushaltseinkommen. In der Schweiz liegt der Durchschnitt hier bei ca. einem Drittel. 2012 geben 15% der Haushalte mehr als 30% ihres Bruttoeinkommens für das Wohnen aus. Eine 2016 von ETH Wohnforum – ETH CASE erstellte Studie im Auftrag des Bundesamts für Sozialversicherung zur Wohnversorgung in der Schweiz bestätigt die Annahme, dass das Hauptproblem der ungenügenden Wohnversorgung von armutsbetroffenen und -gefährdeten Menschen die Wohnkosten sind. Vier von fünf armutsbetroffenen oder -gefährdeten Haushalten wenden mehr als 30% ihres Bruttohaushalteinkommens für Wohnen auf.

Namentlich in den Städten verschwindet durch die Sanierung oder den Ersatz von (Alt-)Wohnbauten zunehmend günstiger Wohnraum. Neubauten orientieren sich zumeist an den Anforderungen des höheren Segments. Die neuen Mietkosten übersteigen dann das Budget vieler Mieterinnen und Mieter. Daraus entstehen Verdrängungseffekte. Zudem kommen günstige Wohnungen bei Wohnungswechseln kaum auf den offiziellen Markt.

Die Rahmenbedingungen bestimmen, was gebaut und wie gewohnt wird, und vier Faktoren bestimmen letztlich den Mietpreis: die Land-/Bodenkosten, die Finanzierung, die Investitions- und Baukosten sowie die Betriebskosten. Doch es gilt vor allem zu beachten, dass Wohnen eine politische, ökonomische UND eine gesellschaftliche Angelegenheit ist.

Zusammenfassung der Eröffnungsrede von Dr. Marie Glaser anlässlich des diesjährigen ETH Forum Wohnungsbau zum Thema «Der gerechte Preis. Wie schafft man kostengünstigen und qualitätsvollen Wohnraum?» Marie Glaser ist Leiterin des ETH Wohnforum – ETH CASE

Bild: Neu, gut und bezahlbar: Die Überbauung der Baugenossenschaft mehr als wohnen in Zürich-Nord wurde 2015 an die Bewohnerschaft übergeben. (Foto: zvg)