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Die Alpen als «Common Ground»

Die Alpen als «Common Ground»
Durch den Ausbau der Erschliessungsstruktur werden die Alpen immer stärker in die urbanen Netzwerke der umliegenden Metropolen eingebunden. Dies ermöglicht einerseits die Nutzung der Alpen als metropolitane Parklandschaft. Andererseits werden die Alpenrandzonen sowie die tiefliegenden Alpentäler zu attraktiven metropolitanen Siedlungsgebieten.

Transformation der alpinen Landschaft

Bezüglich der aktuellen Nutzung der alpinen Landschaft lassen sich im Zuge dieser Entwicklungen vier primäre Phänomene feststellen: 1) Der Rückgang und die flächenmässige Konzentration der landwirtschaftlichen Nutzung und somit der Rückgang der Pflege der Landschaft; 2) Die Verbrachung wird zu einem entscheidenden Faktor und verändert das kulturlandschaftlich diverse Bild der Alpen: «Die Waldfläche (unter Einbezug der verbuschten Flächen) hat sich in den letzten hundert Jahren in den Alpen verdoppelt.» (Bätzing, Werner (2015): Zwischen Wildnis und Freizeitpark. Eine Streitschrift zur Zukunft der Alpen. Zürich: Rotpunktverlag. S.23.); 3) Im Gegensatz zur landwirtschaftlichen Nutzung nimmt die urbane Nutzung der alpinen Landschaft tendenziell zu oder stagniert auf hohem Niveau und konzentriert sich räumlich immer stärker auf ausgewählte touristische Zentren, die sich zu regelrechten Freizeitlandschaften transformieren.; 4) Eine weitere urbane Nutzung der Alpen, die stark zunimmt, ist die Nutzung als Infrastrukturlandschaft. Der Bau von grossen Energie- und Transportinfrastrukturen stellen eine neue Ära in der – hauptsächlich unterirdischen – Erschliessung und Nutzbarmachung der Alpen dar. Diese zunehmende Urbanisierung des Untergrunds geht mit einer beispiellosen Dimension künstlicher Erdbewegungen einher, die zu einer massgeblichen Überformung der sichtbaren Landschaft führen.

Ausgehend vom Status quo und den beschriebenen Phänomenen besteht im Hinblick auf die Frage nach der zukünftigen Entwicklung der alpinen Landschaft die Tendenz zu einer verstärkten Ausbildung der sich heute schon abzeichnenden räumlichen Gegensätze: Die Nutzungsintensivierung der gut erreichbaren Alpengebiete steht in zunehmendem Kontrast zur extensiveren Nutzung bis hin zur Verbrachung der übrigen alpinen Regionen. Dies würde im Extremfall zu einem Verlust der Alpen als eigenständigem Kultur-, Lebens- und Wirtschaftsraum führen und die Alpenrandgebiete zu reinen Ergänzungsräumen der ausseralpinen Metropolen werden lassen.

Die Alpen als zentrale Landschaftsfigur

Betrachtet man die Alpen als Common Ground der umliegenden Metropolen ergibt sich eine alternative Lesart respektive eröffnet sich ein Potential bezüglich der zukünftigen Entwicklung der Alpen. Unter der Annahme eines verstärkten Siedlungswachstums entlang des Alpenrandes und dessen urbaner Verdichtung würden die Alpen nicht mehr nur zu partiell zugeordneten, metropolitanen Parklandschaften, sondern zur zentralen Landschaftsfigur. Liest man die Alpen als Common Ground und somit als von verschiedenen Nutzerinnen und Nutzern beanspruchte Ressource, könnte deren Zukunft in einem gemeinschaftlich neu ausgehandelten, nachhaltigen Nutzungsverhältnis bestehen, das traditionelle landwirtschaftliche (endogene) Nutzungen mit ausseralpinen, urbanen (exogenen sowie ubiquitären) Nutzungen kombiniert und überlagert und so letztlich einen verantwortungsvollen Umgang mit der Ressource der alpinen Landschaft ermöglicht. So könnte eine gemeinschaftliche, zentrale Landschaft der umliegenden Metropolitanräume entstehen, die nicht auf traditionellen Bildern und Vorstellungen beharrt, sondern neue Bilder und Bedeutungen schafft und vor allem auch Strategien für den Umgang mit potentialarmen Räumen entwickeln muss.

Vorschau zum NSL Kolloquium «Common Water»
Welche Fragestellungen und Herausforderungen sich in diesem Zusammenhang für den Umgang mit dem alpinen Wasser stellen und wie mögliche Lösungsansätze aussehen könnten, besprechen Experten im Rahmen des NSL Kolloquiums «Common Water – The Future of an Alpine Resource»

Thomas Kissling ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur Günther Vogt, Landschaftsarchitektur. Er hat zusammen mit Rebecca Bornhauser am Forschungsprojekt NFP 65 – Urbane Potentiale und Strategien in metropolitanen Territorien am Beispiel des Metropolitanraums Zürich mitgearbeitet, in dessen Rahmen der oben stehende Text (hier: gekürzte Version) entstanden ist.

Bild 1: Alpenbogen 2015: Urbanisierung (weiss) und Schutzzonen (rot).
Bild 2: Alpenbogen 2100: Urbanisierung (weiss), Schutzzonen (rot), Common Ground (gelb).
2015 © Professur Günther Vogt, Institut für Landschaftsarchitektur, ETH Zürich, Datengrundlagen: European Environment Agency (zuletzt aufgerufen am 10. November 2015) und Protected Planet (zuletzt aufgerufen am 10. November 2015).