Die Oberrheinische Tiefebene ist geprägt von Jahrhunderten des Wandels: vom amphibischen Lebensraum zum regulierten Fluss. Heute, im Zeichen von Klima- und Biodiversitätskrisen, eröffnet die Perspektive des «lebendigen Milieus» neue Wege, Landschaften jenseits von Fortschritts- oder Verlustnarrativen zu verstehen und zu gestalten.
Die Landschaften des Oberrheins sind seit Jahrhunderten in Bewegung. Am einst meandrierenden Rhein lebten Menschen mit den wechselnden Rhythmen des Flusses, passten sich Überschwemmungen an und nutzten die Auen. Mit der Rheinbegradigung ab 1817 änderte sich dieses Verhältnis radikal: Der Fluss wurde zunächst in ingenieurtechnischen Zeichnungen abstrahiert und schliesslich zum Schifffahrtskanal ausgebaut.
Diese Eingriffe hinterliessen bis heute sichtbare Spuren: Hochwasserdämme, Staustufen, Polder und Baggerseen zeugen von der umfassenden Umgestaltung. Doch im Zuge von Klimaerwärmung und Biodiversitätskrisen rückt die dynamische Präsenz des Oberrheins erneut in den Fokus – und zeigt, dass diese Landschaft weiterhin voller Lebendigkeit ist.
Überschwemmungsmücke, Uferschwalbe und Atlantischer Lachs
Meine Forschung schlägt vor, den Oberrhein als «lebendiges Milieu» zu betrachten. Dabei wird deutlich, wie sehr die Landschaft von Wechselwirkungen zwischen Menschen und anderen Lebewesen geprägt ist. Drei Tiere begleiten diese Perspektive: die Überschwemmungsmücke, die Uferschwalbe und der Atlantische Lachs. An ihnen wird deutlich, wie Landschaftspflege, Regulierung und ökologische Rhythmen ineinandergreifen und neue Beziehungen hervorbringen.
Ethnografische Methoden – von Spaziergängen mit Biolog:innen bis zu Archivrecherchen und Zeichnungen – machen diese Prozesse erfahrbar. Zeichnungen eröffnen zudem neue Formen der Darstellung: Sie lösen sich von statischen, anthropozentrischen Bildern und zeigen die Landschaft als Ort wechselseitiger Prozesse.
So zeigt sich der Oberrhein als dynamisches Milieu, das mehr-als-menschliche Zeiten und Prozesse einbezieht. Angesichts ökologischer Krisen lädt diese Perspektive dazu ein, den Planeten – ganz im Sinne von Gilles Clément – als Garten zu denken.
Dr. Johanna Just ist Architektin und Postdoktorandin an der Professur für Landschaftsarchitektur von Prof. Teresa Galí-Izard, ETH Zürich. Sie promovierte 2025 an der ETH Zürich. Zuvor studierte sie Architektur in London (Bartlett), Venedig (IUAV) und Hannover (LUH). Sie ist Mitbegründerin der Zeitschrift DELUS und war Gastredakteurin von gta Papers 9.


