Wie kann Wohnarchitektur auf vielfältige und wandelbare Familienformen reagieren? Das Masterstudio «The Pursuit of Happiness» übersetzte Erkenntnisse des SNF-Sinergia-Projekts FamyCH in konkrete Entwürfe für Trennungsfamilien. In Zusammenarbeit mit Wohnforschung, Konstruktion und Film entstanden fünf Projekte, die soziale Kontinuität, emotionale Stabilität und räumliche Anpassungsfähigkeit fördern.
Eine zentrale Frage architektonischer Entwurfspraxis lautet: Für wen wird gebaut? Entwürfe formulieren «Lebensformvorschläge» und greifen damit wesentlich in die Gestaltung alltäglicher Lebensverhältnisse ein. Entwerfen ist daher immer auch eine Übersetzungsleistung: Wohnbedürfnisse müssen in räumliche Konzepte übertragen werden. Diese Aufgabe wird angesichts der Pluralisierung von Lebensformen und zunehmend dynamischer Lebensverläufe anspruchsvoller. Familiengründung, Trennung, Wiederverpartnerung oder geteilte Sorgeverhältnisse verändern Wohnbiografien und erzeugen neue Anforderungen an Flexibilität und Anpassungsfähigkeit von Wohnungen. Der Wohnungsmarkt reagiert darauf bislang nur begrenzt. Wie Ernst Hubeli feststellt: «Fast alles verändert sich, nur die ‹moderne Wohnung› nicht».
Wohnen im Wandel der Familienformen
Das am ETH Wohnforum – ETH CASE angesiedelte SNF-Sinergia-Projekt «Family Custody Arrangements and Child Well-Being in Switzerland (FamyCH): The Role of Architecture and Housing» untersucht den Zusammenhang zwischen Wohnbedingungen, Sorgerechtsarrangements und Kindeswohl. Besonderes Augenmerk gilt den Wohnarchitekturen von Familien nach Trennung oder Scheidung. Ein zentrales Anliegen des Projekts ist der Wissenstransfer in die Entwurfslehre. Im Herbstsemester 2025 kooperierte das Forschungsteam mit der Professur Mosayebi, der Dozentur für Bautechnologie und Konstruktion (BUK) sowie dem Kameramann und Motion Designer Severin Kuhn im Masterstudio «The Pursuit of Happiness». Ziel war die Entwicklung räumlicher Konzepte, die auf die Wohnbedürfnisse von Trennungsfamilien reagieren und soziale Kontinuität, emotionale Stabilität sowie räumliche Adaptierbarkeit fördern.
Von der Wohnforschung zum Entwurf
Ausgangspunkt der Entwurfsarbeiten bildeten aus den empirischen Forschungen gewonnene Fallvignetten. Ergänzt durch Expert:inneninterviews, statistische Analysen und videografische Untersuchungen entstanden fünf Projekte zum Umbau von Wohnbauten der Boomjahre (1950er bis 1970er Jahre). Sie reichen von einer Aufstockung und internen Flexibilisierung der Grundrisse der Siedlung Friesenberghalde von Ernst Gisel, Wiedikon (1973) bis zum systematischen baulichen Aufbrechen räumlicher Strukturen alltäglicher Care-Arbeit in der Überbauung Grünau, Zürich-Altstetten (1976).

Entwerfen als Wissenstransfer
Die systematische Zusammenarbeit von Wohnforschung, forschendem Entwurf, Konstruktion und Film erfordert erhöhte zeitliche und personelle Ressourcen. Der Aufwand zahlt sich jedoch aus. Die multiperspektivische Arbeitsweise konfrontiert Entwurfsprozesse mit realen Lebenswelten und macht Forschung unmittelbar produktiv für die Lehre. Zugleich wirken die entwickelten Entwürfe in ihrer Übersetzungsarbeit auf die Forschung zurück: Als Design Proposals eröffnen sie neue Perspektiven für weitere Untersuchungen und liefern Impulse für Wohnungsmarkt, Planungspraxis, Wohnpolitik und nicht zuletzt die Familien selbst.
Studierende / Thema / Überbauungen:
Victoria Balmer / Zwischen Tür und Tisch Über Autonomie, Gemeinschaft und Flexibilität / Siedlung Glaubten III, Zürich-Affolterm (1966)
Gian Brechbühl / Perks of Being Neighbours / Siedlung Hönggerberg (1953/1954)
Laura Kölliker / Metamorphose einer Gartenstadt / Siedlung Wydäcker, Zürich- Albisrieden (1950-1951)
Hibiki Masaki / Nest / Siedlung Friesenberghalde von Ernst Gisel, Zürich-Wiedikon (1973)
Sacha Marcel Jean Toupance / Choreographies of Domestic Scenes / Sieldung Grünau, Zürich-Altstetten (1976)
Autor:innen-Team:
Das FamyCH-Forschungsteam am ETH Wohnforum – ETH CASE besteht aus Prof. Dr. Elli Mosayebi, der Doktorandin Carina Sacher und Dr. Tino Schlinzig.
Elli Mosayebi ist Architektin und Gründerin des Architekturbüros Edelaar Mosayebi Inderbitzin in Zürich. Seit 2021 ist sie ordentliche Professorin für Architektur und Entwurf an der ETH Zürich. Carina Sacher ist ausgebildete Architektin und Wohnforscherin. Tino Schlinzig lehrt und forscht als Soziologe seit 2020 am ETH Wohnforum. Alle drei vereinen das Interesse am Wohnungsbau und am gegenwärtigen sozialen Wandel.