Landschaft ist nie still. Selbst dort, wo sie fest erscheint, arbeitet die Zeit an ihr weiter. Wasser, Sedimente, Vegetation und topografische Prozesse wandeln sich fortwährend. Angesichts zunehmender hydrologischer und geomorphologischer Dynamiken stellt sich für die Landschaftsarchitektur die Frage, wie sich nicht nur Raum, sondern auch Zeit entwerfen lässt.
Landschaft als Prozess
Gerade in der Schweiz, wo Gewässerräume über lange Zeit reguliert und kanalisiert wurden, wird angesichts zunehmender hydrologischer Extreme und geomorphologischer Dynamiken deutlich, dass viele etablierte Entwurfsmethoden an ihre Grenzen stossen. Der Wunsch nach Permanenz ist verständlich, doch die Vorstellung eines dauerhaft stabilisierten Zustands verliert zunehmend an Plausibilität. Wo sich Ufer verschieben, Geschiebe umgelagert wird und Topografie rutscht, sollte sich der Entwurfsprozess anpassen. Der Umgang mit Topografie gehört seit jeher zu den zentralen Feldern landschaftsarchitektonischen Denkens. Höhenlinien, Schnitte oder digitale Terrainmodelle machen räumliche Differenzen lesbar und entwerfbar. Sie zeigen, wo Wasser sich sammelt, beschleunigt oder zurückgehalten werden kann. Doch so präzise topografische Werkzeuge räumliche Form erfassen, so begrenzt bleiben sie oft bei der Darstellung zeitlicher Prozesse. Dynamische Landschaften lassen sich jedoch nicht in einem einzelnen Zustand verstehen. Ihre räumliche Qualität entsteht aus Abfolgen, Entwicklungen und Prozessen.
Zeit als Entwurfsdimension
Komplementär zur Topografie kann daher das Konzept der Chronografie hilfreich sein: als Versuch, Zeit systematisch zu kartieren und in den Entwurf zu integrieren. Nicht als exakte Entsprechung, sondern als methodische Ergänzung. Es geht nicht nur um Vorher und Nachher, sondern um Rhythmen, Intervalle, Ereignisse und Unsicherheiten. Welche Wasserstände prägen einen Ort? Wann wird ein Ufer zur Schwelle? Wie viel Bewegung ist zu viel? Welche Veränderungen sind alltäglich, welche selten, welche prägend oder unvorhergesehen? In dynamischen Landschaften muss der Entwurf Bedingungen schaffen, unter denen unterschiedliche Zustände möglich und lesbar werden. Der klassische Plan bleibt unverzichtbar, reicht aber oft nicht aus. Gefragt sind Darstellungen und Arbeitsweisen, die Raum und Zeit zusammen denken: von Timelines und zeitlichen Skizzen über serielle Schnitte, Ereigniskarten und Video bis hin zu digitalen Simulationen und Animationen. Der vermehrte Einsatz solcher Methoden bietet das Potenzial Landschaft stärker in ihrer zeitlichen Dimension zu verstehen und zu entwerfen.
Das NSL-Kolloquium «Dynamic Landscapes – Entwerfen mit Unsicherheiten», das am 10./11. September 2026 stattfindet, wird dieses Thema aufgreifen und mit Landschaftsarchitekt:innen, Ingenieur:innen und Künstler:innen im Architekturforum Zürich vertieft diskutieren.
Beispielentwürfe aus dem Master Landschaftsarchitektur
Analysekarte Landschaftsdynamiken, Studierendenarbeit, FS 2026, M. Waples, A. Shridharani © ETH Zürich
Geomorphologische Studien am physischen Modell, basierend auf Studierendenarbeit, FS 2026, M. Waples, A. Shridharani © ETH Zürich
Baumwachstum in bewegter Topografie, Studierendenarbeit, FS 2026, C. Martin, R. Ye © ETH Zürich
Dennis Häusler ist Architekt und Forschender an der Professur für Landschaftsarchitektur von Martina Voser. Er forscht zu Entwurfsmethoden für dynamische Landschaften im Schweizer Kontext. Die abgebildeten Arbeiten entstanden im Entwurfsstudio «momentum» und «sutura» der Professur Voser und im Kurs «Digital Design Methods II» des Masters Landschaftsarchitektur an der ETH Zürich.



