Kann ein Waldspaziergang im Spital Stress senken? Virtuelle Realität macht es möglich. Eine Untersuchung mit gangunsicheren Seniorinnen und Senioren zeigt: Nach VR-Trainings in verschiedenen Landschaften fühlten sich die Teilnehmenden entspannter und sicherer, auch wenn ihre physiologischen Stresswerte stabil blieben. Ob Wald, Stadt oder Landwirtschaft: Die Wirkung war ähnlich positiv.
Dass unsere Umgebung uns beeinflusst, bewusst oder unbewusst, ist gut belegt. Der Blick ins Grüne oder ein Aufenthalt im Freien kann Stress und mentale Ermüdung reduzieren, positive Emotionen steigern und Heilungsprozesse fördern. Spitalpatientinnen und -patienten, die durch das ungewohnte Umfeld, den ungewissen Krankheitsverlauf oder bevorstehende Behandlungen belastet sind, könnten davon profitieren, haben jedoch oft keine Möglichkeit, die Natur zu erleben, etwa wegen Gangunsicherheit, schlechtem Wetter oder knapper Therapiezeiten.
Virtuelle Realität (VR) kann hier helfen: An einer laufenden Studie nahmen 31 ältere, gangunsichere Spitalpatientinnen und -patienten (Ø 84 Jahre) teil. Ein Teil von ihnen erhielt als Interventionsgruppe zusätzliche fünf VR-Trainings in einer von drei zufällig zugeteilten Umgebungen: Wald, ländlich oder städtisch. Die virtuellen Landschaften basieren auf Laserscan-Punktwolken realer Orte und erlauben freie Bewegung. Ausgestattet mit VR-Brille und Sensoren begannen die Sitzungen mit fünf Minuten Sitzen, gefolgt von 20 Minuten Gehen mit Gleichgewichtsübungen.
VR-Training steigert das Sicherheits- und Wohlgefühl, selbst bei körperlicher Anstrengung
Bei Studienende berichteten beide Gruppen von weniger Stress, deutlicher in der Interventionsgruppe. Dort stieg auch das Vertrauen, alltägliche Belastungen gelassener und sicherer zu meistern. Unabhängig von der Umgebung fühlten sich alle Teilnehmenden direkt nach den VR-Trainings weniger gestresst und selbstbewusster. Bei einigen stiegen die Werte der elektrodermalen Aktivität (EDA) und der Herzratenvariabilität (HRV), was auf positiven Stress hindeuten könnte, etwa durch Neugier oder erhöhte Motivation. Über die fünf Sitzungen blieben die physiologischen Werte weitgehend stabil, während das subjektive Wohlbefinden zunahm. Das VR-Training scheint also vor allem das subjektive Wohlbefinden zu stärken, auch wenn objektive Stressindikatoren nur leicht verändert werden. Für ältere Menschen könnte dies bedeuten, dass das VR-Training das Sicherheits- und Wohlgefühl steigert, selbst bei körperlicher Anstrengung.
Im nächsten Schritt wird untersucht, wie die verschiedenen virtuellen Landschaften Gangbild und Gleichgewichtsempfinden beeinflussen. Mithilfe von Eye-Tracking-Daten und subjektiven Bewertungen der Szenen soll zudem ermittelt werden, welche Landschaftselemente besonders positiv oder negativ wahrgenommen werden. Die Studienergebnisse sollen Empfehlungen liefern, wie virtuelle Trainingsumgebungen gestaltet werden können, um die positiven Effekte gezielt zu nutzen.
Laura Schalbetter ist Doktorandin an der Professur für Planung von Landschaft und urbanen Systemen (PLUS) an der ETH Zürich. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf dem Einsatz von 3D-Punktwolken zur Visualisierung von Landschaften in Virtueller Realität (VR), um Wohlbefinden und Gangsicherheit bei hospitalisierten Seniorinnen und Senioren im Projekt REGaitVR (Restorative Landscape Environments for Gait Therapy with VR) zu fördern. Ihre Interessen liegen an der Schnittstelle von immersiven Technologien, Geoinformation und Landschaftsplanung. LinkedIn | E-Mail