Der Klimawandel erfordert tiefgreifende Massnahmen in allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Wohnungswesen und dem Städtebau, die eine grosse Hebelwirkung für mehr Energieeffizienz und weniger CO2-Emissionen, aber auch für Anpassungsmassnahmen wie Hitzeminderung durch Begrünung oder Entsiegelung aufweisen. Doch welche Wechselwirkungen entstehen zwischen grünen Massnahmen und dem Wohnungsmarkt?
Das Projekt ReHousIn untersucht mögliche Auswirkungen von grünen Transformationsinitiativen auf den Zugang zu bezahlbarem Wohnraum in neun europäischen Ländern. Im Fokus stehen dabei Verdichtung, energetische Sanierungen und naturbasierte Lösungen (oder NBS, von nature-based solutions). Mit NBS im städtischen Raum sind z.B. Dach- und Fassadenbegrünungen, die Entsiegelung von Böden, Bepflanzungen oder die Schaffung neuer Grünräume gemeint.
Studien aus verschiedenen Städten zeigen, dass NBS nicht nur zu einer ökologischen Aufwertung beitragen, sondern auch zu höheren Mieten und Hauspreisen führen können. Dadurch wird der Zugang zu bezahlbarem Wohnraum für Haushalte mit tieferen oder mittleren Einkommen schwierig bis unmöglich – es kommt zu Verdrängung oder green gentrification. Green gentrification kann aber auch als Zyklus gesehen werden: Sind Quartiere einmal gentrifiziert, steigt Bereitschaft, für mehr Grün im Quartier zu sorgen – indem z.B. eine Stadtverwaltung mehr Mittel dafür bereitstellt oder sich die Quartierbevölkerung stärker dafür einsetzt.
Im ReHousIn-Projekt analysieren wir deshalb Gentrifizierungsmuster in der Stadt Zürich zwischen 2000 und 2021 und untersuchen, ob es einen Zusammenhang mit der Verteilung und der Veränderung von Vegetation (Grünräume wie Parks und Gärten, Bäume, bepflanzte Strassenränder, etc.) gibt. Wir verwenden dazu einen Gentrifizierungsindex und auf Satellitenbildern basierende NDVI-Daten (Normalized Difference Vegetation Index). Der Gentrifzierungsindex zeigt an, ob sich der Anteil an Personen mit Hochschulabschluss, hohen Einkommen und der umgekehrte Anteil Erwerbslose in einem Gebiet überdurchschnittlich stark erhöht hat. Mit NDVI-Daten lässt sich quantifizieren, wie „grün“ ein Gebiet ist und ob es zwischen 2000 und 2021 grüner oder weniger grün wurde.

Die meisten gentrifizierten Rasterzellen befinden sich in Gebieten mit unterdurchschnittlichem Grünanteil. Tatsächlich handelt es sich meistens um innerstädtische Quartiere mit relativ wenig Grünflächen. Unsere Analyse zeigt im Zeitraum 2000-2021 keinen signifikanten Zusammenhang zwischen einer Veränderung des Grünanteils und der Wahrscheinlichkeit, dass ein Gebiet gentrifiziert ist. Es stellt sich die Frage, ob gewisse Entwicklungen zwar stattfinden, aber mit den gewählten Indikatoren nicht erfasst werden. Gentrifizierungsprozesse können z.B. bereits eingesetzt haben, sind jedoch noch nicht so weit fortgeschritten, dass die Anteile an Personen mit Hochschulabschluss, hohen Einkommen und an Erwerbslosen sich bereits stark verändert hätten. Anhand des hier verwendeten Gentrifizierungsindex wären diese Prozesse deshalb nicht erkennbar. Die Angebotsmieten, d.h. die Mieten, die bei einer Neuvermietung der Wohnung verlangt werden, könnten sich trotzdem schon markant erhöht haben. In einem nächsten Schritt untersuchen wir deshalb andere Indikatoren, kleinere Zeitspannen und eine Ausweitung des Perimeters auf die Agglomeration Zürich.
Dr. Hannah Widmer ist Soziologin und Humangeografin und arbeitet als Postdoc am ETH Wohnforum – ETH CASE. Ihre Forschungsinteressen umfassen Wohnungsnot in Städten, Wechselwirkungen zwischen umweltpolitischen Massnahmen im Gebäudebereich und Ungleichheiten im Wohnen sowie öffentliche Räume.