La Chaux-de-Fonds, 1925 (© ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz).

Der Mensch greift in umfassender Weise gestalterisch in seine Umwelt ein – nicht nur Städte und Häuser sind gestaltet, sondern auch Flüsse und Seen, Wiesen und Wälder. Gestaltung ist stets eingebettet in ein komplexes System einflussnehmender Faktoren, und jede Gestaltung ist wiederum Teil eines historischen Prozesses. Die «Enzyklopädie zum gestalteten Raum» ist der Versuch, die Mechanismen der Gestaltung aufzuspüren, sie systematisch, in punktuellen Auslotungen aufzuzeigen, zu beschreiben und zu erklären und sie über Disziplinengrenzen hinweg zu vermitteln.
«Raum» steht hier für den durch bewusste menschliche Einflussnahme gestalteten Raum, der von der Gesamtheit physischer Elemente und ihrer Wechselbeziehungen konstituiert wird. Die Enzyklopädie gliedert den Raum in ausgewählte Elemente, um ihn in seiner Vielfalt für die Untersuchung zugänglich und erfassbar zu machen. Die Auswahl der Elemente erfolgte nach der Massgabe, dass sie wichtige Bereiche des gestalteten Raumes abbilden und eine historische Analyse exemplarischer Gestaltungen und Gestaltungsmechanismen ermöglichen. Da sie sich nicht immer eindeutig städtisch oder ländlich geprägten Räumen zuordnen lassen, wurde eine Betrachtungsweise gewählt, die den Raum kontinuierlich erfasst. Daraus resultiert eine Ausdehnung des Untersuchungsgegenstands von der Stadt und ihrer Peripherie auf den ländlichen Raum, also mithin die Erfassung des breiten Spektrums des vom Menschen gestalteten Raumes.
Für jedes Element werden Entstehung und Wandel seiner Form von Experten der Planungs-, Geistes- oder Naturwissenschaften aus der geschichtlichen Entwicklung heraus und vor wechselndem politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Hintergrund erklärt. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf dem 19. und 20. Jahrhundert sowie auf dem europäischen Raum; allerdings wird in vielen Beiträgen weiter zurück in die Geschichte und auch über den Atlantik geschaut, um ideengeschichtliche Zusammenhänge bis in die Gegenwart zu erklären. Das Augenmerk der Betrachtung liegt gleichsam auf dem gestalteten Gegenstand und auf dem Akt des Gestaltens, den jeweiligen Entscheidungsprozessen und ihren Spielräumen. Dabei kann Gestaltung auf vielfältige Weise, etwa durch planerische Leistung, durch Nutzung, durch Pflege zur Konservierung einer Identität, aber auch durch Vernachlässigung erfolgen.
Die Ergebnisse des vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützten Forschungsprojekts werden in einem Buch veröffentlicht, das ein neuartiges Verständnis einer enzyklopädischen Sammlung verkörpert. In dieser Enzyklopädie, die sich ihrem Gegenstand mit einer interdisziplinären, dezidiert historischen Perspektive nähert, sind die einzelnen Beiträge über eine komplexe Verweisstruktur miteinander verknüpft. In ihr drückt sich der Anspruch einer systematischen Wissensvermittlung sowohl zu übergeordneten Themen, wie beispielsweise den Auswirkungen von historischen Umbrüchen auf die Gestaltung, als auch zu spezifischen Fragen aus.
Als systematisch angelegte kulturwissenschaftliche Analyse bietet die «Enzyklopädie zum gestalteten Raum» eine Grundlage für das Verständnis von Gestaltungsprozessen und für einen historisch fundierten Umgang mit Problemen gegenwärtiger wie zukünftiger Stadt- und Raumentwicklung. Nur, wer die Mechanismen der Gestaltung in ihrer Komplexität versteht, kann sich als Auftraggeber, Planer und Nutzer sinnvoll in eine Diskussion zum gestalteten Raum einbringen.

 

Lampugnani: Enzyklopädie des gestalteten Raumes
Bocage- oder Heckenlandschaft bei Solutré, 2001 (© Hansjörg Küster)
Lampugnani: Enzyklopädie des gestalteten Raumes
La Chaux-de-Fonds, 1925 (© ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz).

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Buchprojekt

Enzyklopädie des gestalteten Raumes
Vittorio Magnago Lampugnani (Hrsg.), Konstanze Sylva Domhardt (Hrsg.), Rainer Schützeichel (Hrsg.), gta-Verlag, 2015, ISBN 978-3-85676-325-1

Status

Abgeschlossenes Projekt