Master of Advanced Studies ETH in Urban Design 2017

Das Studio des Master of Advanced Studies in Urban Design ETH ist ein Forschungs- und Entwurfslabor, das neue Modelle einer proaktiven Entwicklung für urbane Gebiete einer globalisierten Welt testet.

Da die Entstehung der Stadt zunehmend durch konkurrierende Interessen zersplittert wird, ist die Entwicklung neuer Formen urbaner Produktion Voraussetzung für ein wohlüberlegtes Handeln.

Das Studio MAS in Urban Design bildet eine neue Generation von Design-Experten aus, die auch mit Themen ausserhalb der Kerndisziplin zurecht kommen wird.

Das MAS-Studio in Urban Design ist ein einjähriges Master-Programm für Forschung und Entwurf. Das Studium baut auf eine Untersuchung städtischer Bedingungen auf, die globale Phänomene und die Entwicklung praktischer Instrumente für eine Tätigkeit in solchen Bereichen betreffen. Da die globale Wirtschaft die durch ökonomische, ökologische und politische Krisen geschaffenen städtischen Verhältnisse und Bevölkerungsbewegungen immer schneller umgestaltet – und dies in einer Geschwindigkeit, die sich scheinbar jeder kontrollierten Planung entzieht – hat das Tempo der Urbanisierung die formelle Bereitstellung von Wohnraum beinahe unmöglich werden lassen. Das MAS-Programm sucht soziale, ökonomische und ökologische Umstände miteinander zu verknüpfen, um eine neue und belastbare Gestaltung urbaner Gebiete zu erzielen. Das MAS-Studio arbeitet mit Strategien ebenso wie mit Taktik, um die Rolle der Architekten und Planer bei der Erschaffung der Stadt von heute neu zu definieren und neue Designansätze zu finden.

Das MAS-Programm sucht Design-Profis, die sich für die Erforschung und Entwicklung von Gestaltungsinstrumenten zum Einsatz unter komplexen Bedingungen interessieren. Eine Forschungs- und Entwurfskultur innerhalb des Studios fördert die Entwicklung wirksamer Prognosen hinsichtlich der Entwicklung solcher städtischen Szenarien. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Methodologie, der Prozessgestaltung und den Kommunikationsinstrumenten, die die Teilnehmer zu interdisziplinärem Arbeiten in Entwurfsbüros, akademischen Teams oder bei städtischen Behörden befähigen sollen.

Mitte des ersten Semesters erfolgt eine Exkursion in Bezug auf die Forschungsarbeit des Studios. Vor-Ort-Forschung für das Studioprojekt, Besuche anderer relevanter Bereiche und Treffen mit städtischen und Gemeindeorganisationen vermitteln hierbei den Kontext, in dem sich die Studio-Produktion abspielen wird.

Thematischer Schwerpunkt

Integrative Städteplanung für eine integrative Welt

Integrative Welt

Innerhalb der letzten Jahre treten Phänomene, die zunächst vor allem im Kontext des globalen Südens auftraten, zunehmend auch innerhalb des sogenannten globalen Nordens auf. Krisen wie politische Konflikte, der Konkurs von Städten und Ländern sowie extreme Umweltbedingungen haben zu fundamentalen sozialen wie wirtschaftlichen Konsequenzen geführt, die in städtischen wie halbstädtischen Gebieten speziell drastisch erscheinen. Ökonomische Modelle, die die Welt in Süden und Norden, in eine erste, zweite und dritte Welt teilen, können sich nicht mehr auf eine geordnete Wertschöpfungskette aus garantierten Einnahmen verlassen.

Soziale Integration

Soziale Integration ist im Kontext der Globalisierung und der zunehmenden Mobilität der Menschen von wachsendem Interesse. Die weltweit steigende Zahl an Flüchtlingen ist bloss die Spitze einer Evolution in Richtung einer zunehmenden Bevölkerungsbewegung. Länder, Städte und Quartiere die über integrative Eigenschaften verfügen und in der Lage sind, den neu Ankommenden Gelegenheiten zu verschaffen und so im Gegenzug auch von ihren Fähigkeiten und Zielvorstellungen zu profitieren, können aus dieser Entwicklung Nutzen ziehen und dazu beitragen, soziale Spannungen und wirtschaftliche Ungleichheiten zu vermeiden.

Funktionelle Integration

Die funktionelle Integration von Quartieren und Städten ist ein wichtiger Anreiz, um sich lokalen wie globalen Herausforderungen von der Grösse städtischer Gebiete zu stellen. Die Integration von Funktionen, die seit dem Beginn der Industrialisierung der letzten Jahrhunderte vom städtischen Umfeld abgespaltet und von diesem subtrahiert wurden, veranlasst und beschleunigt nachhaltigere Formen der Produktions- und Weiterentwicklung und entlasten uns so etwas von den Herausforderungen des Transports an Menschen und Gütern.

Inklusive Urbanistik II: Tangier-Marseille

Man muss wissen, dass man sich ständig auf der Flucht befindet, und dass die Flucht die Wirklichkeit ist, in der die Welt sich meldet.

Hannah Arendt: «Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten: Gedanken zu Lessing»

This town is made of many things/Just look at what the current brings
So high, it’s only promising/This place was made on you
Tell me, baby, what’s your story/Where you come from
And where you wanna go this time?

(Diese Stadt besteht aus mancher Art Ding/Guck bloss, was der Strom heranträgt
So hoch und vielversprechend/Ist dieser Ort für Dich gedacht
Erzähl mir, Baby, deine Geschichte/Woher Du kommst
Und wohin Du diesmal gehen willst?)

Red Hot Chili Peppers, «Tell me Baby». (2006). [CD] MoeBeToBlame.

 

Migration ist keineswegs ein neues Phänomen. Während unsere Ära auf einer Mythologie der geographischen Mobilität und der globalen Migrationszirkulation beruht, zeigt die Geschichte, dass Migration keine Erfindung der Moderne ist. Auf der Suche nach einem besseren, sichereren Leben sind die Menschen schon immer weit umhergezogen. Aber noch nie war dies wie jetzt, angesichts der Flüchtlingskrise in Europa, ein derart dringliches Thema. Diese Bewegungen werden sich in naher Zukunft kaum verlangsamen, da es zu anhaltenden bewaffneten Konflikten, wirtschaftlichen Härtesituationen und der vorhergesagten, durch den Klimawandel bedingten Massenmigration kommen wird. Krisen haben die Bewegung der Menschen als schnelles, allgegenwärtiges, komplexes und vor allem räumliches Phänomen dramatisch in Szene gesetzt. Kreisläufe von Menschen, Gütern und Kapital sowie deren Umsiedlung wirken sichtbar, transformierend und in unterschiedlichem Ausmass auf den Raum.

Die territoriale Dimension ist im physischen Akt der Bewegung von einem Ort zum anderen enthalten: im Überqueren gesetzlicher und nationaler Grenzen, von Ozeanen und Gewässern, von Gebirgszügen und den von Menschen geschaffenen Hindernissen. Von Land zu Land prägen Menschenströme, die produktive Landschaften durchqueren, das Zwischenmass von Hinterland und Peripherie. Da Migranten jedoch überwiegend städtischen Gebieten als Eintrittspunkt ins neue Leben zustreben, sind die Auswirkungen des Wandels vor allem im städtischen Massstab zu spüren. Der wirtschaftliche, politische und soziale Einfluss von Migration prägte und prägt Städte in vielerlei Hinsicht, mit sichtbaren Auswirkungen auf Architektur und Stadtgestaltung.

Im Rahmen der „Inklusiven Urbanistik“ und nach der Auseinandersetzung mit dem Thema „Ankunftsstadt“ setzt sich das MAS-Programm mit Fragen der Migration und des urbanen Raums auseinander. Mit dem Argument, dass Stadtplanung ein innovatives, belastbares und politisch mächtiges Werkzeug für Architekten und Planer ist, um sich mit so komplexen Themen zu befassen und von blossen Notlösungen (z.B. Flüchtlingslagern, Transitzentren) wegzukommen, erforschen wir den Begriff des irgendwo „Bleibens“.

 

Das Mittelmeer, das die Küsten Asiens, Afrikas und Europas verbindet, ist das Epizentrum ständiger, andauernder Bevölkerungsbewegungen und war für die Entwicklung einer globalen Zivilisation von historischer Bedeutung. Das Mare Nostrum, mit seiner Geographie, die eine Konstellation von Hafenstädten mit ihrem jeweiligen Hinterland verbindet, ist ein kritischer Migrations- und Handelsraum. Es ist auch eine umstrittene, brutal kontrollierte Region, die von Ausbeutung, Kolonialisierung und Gewalt belastet war und ist. Geographen, Historiker und Soziologen wie Fernand Braudel, Nicolas Purcell, Peregrine Horden, Henri Lefebvre, Ian Chambers und Michael Herzfeld haben sie als solche analysiert. In einem solchen Kontext erscheint es logisch, Ausgangs- und Zielpunkte als gleichermassen wichtig handzuhaben – möglicherweise sogar, um etablierte Paradigmen umzukehren. Zwei Hafenstädte des Mittelmeeres sind unsere operativen Standorte, von einem Ufer zum anderen: Tanger-Marseille. Mit einem Fuss auf jeder Seite des Mittelmeeres, ist die gleiche Bedeutung für Ausgangs- und Zielorte gegeben, um etablierte Paradigmen der Bevölkerungsbewegungen umzukehren. Untersucht werden die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Hintergründe von Migration und die räumlichen Bedingungen, die sowohl an den Start- als auch an den Ankunftsorten herrschen; die Frage nach der Relevanz von Design wird untersucht. Wie können Stadtentwerfer mit solchen Situationen umgehen? Was bedeuten Ortsveränderungen und sich sozial, wirtschaftlich und kulturell einzuleben räumlich über einen längeren Zeitraum hinweg in Bezug auf städtische, ländliche und periurbane Massstäbe?

Wie kann die Entwurfsantwort auf den Begriff des „Bleibens“ im Rahmen einer integrativen städtebaulichen Praxis also lauten?

Diese Fragen sind von entscheidender Bedeutung und sollten Architekten nicht gleichgültig lassen; dies insbesondere zu einem Zeitpunkt, da die Fähigkeit des Entwurfs, auf solche politischen und sozialen Herausforderungen angemessen zu reagieren, nicht offensichtlich ist.

 

Charlotte Malterre-Barthes, Programmdirektorin

Webseite MAS Urban Design