Die Alpen bilden kein statisches Gefüge, sondern ein dynamischer und sensibler Organismus. Über Jahrmillionen formten geologische und geomorphologische Prozesse das charakteristische Relief und schufen damit die fundamentalen Bedingungen für die Entwicklung der alpinen Kultur. Diese ist gekennzeichnet durch die fortwährende Schaffung von Lebensbedingungen in direkter Auseinandersetzung mit den Konditionen vor Ort und der damit verbundenen Herausbildung spezifischer Formen des Gemeinwesens zur Sicherung eines nachhaltigen Umgangs mit den natürlichen Ressourcen.

Gleichzeitig sind die Alpen aber kein abgeschotteter Raum, sondern sind schon immer in die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen des europäischen Kontinents eingebunden. Mit der Industrialisierung ändert sich dieses Prinzip des zeitverzögerten und abgeschwächten Nachvollzugs und der Gegensatz zwischen einer intensiven und extensiven Nutzung der alpinen Landschaft differenziert sich immer stärker aus. Durch den Klimawandel wird diese Entwicklung zusätzlich befeuert. Betrachtet man Wasser als zentrale Ressource der alpinen Landschaft, werden die Folgen der steigenden Temperatur deutlich sichtbar. Das rasch fortschreitende Schmelzen der Gletscher und das Ausbleiben von Niederschlag in Form von Schnee bewirken u.a. eine «Verflüssigung des Wasserhaushalts». Als Folge können die Alpen vor allem im Sommer ihre Funktion als Europas Wasserturm nicht mehr vollständig erfüllen. Sie werden aber weiterhin für die Wasserversorgung Mitteleuropas von grosser Bedeutung sein.

Um die Möglichkeiten auszuloten, wie mit dem Wasser der Alpen in Zukunft umgegangen werden soll, ist ein breiter Diskurs erforderlich, der verschiedene Disziplinen wie Kunst, Naturwissenschaft, Ingenieurwesen und Landschaftsarchitektur integriert. Der Beitrag an der diesjährigen Architekturbeinnale schlägt eine neue Lesart der alpinen Landschaft als «ökologische Insel» im Zentrum des Kontinents vor. Denn mit Blick auf einen grösseren Bezugsraum ergeben sich neue Betätigungsfelder: ein Ressourcenraum für (qualitativ einwandfreies) Wasser und Energie; ein Hotspot der Biodiversität; eine Touristendestination mit angenehmen klimatischen Bedingungen; ein Kulturraum frei vom Stress einer dichten Besiedlung und eine einzigartige Landschaft.

Die Erschliessung neuer Beziehungen zwischen dem inneralpinen und ausseralpinen Europa beruht auf den Prinzipien der Zusammenarbeit. Wie bei den frühen Agrargemeinschaften im Alpenraum muss der Austausch auf einer gemeinsam ausgehandelten und nachhaltigen Nutzung basieren. Auf diese Weise ist ein verantwortungsvoller und sorgfältiger Umgang mit der Alpenlandschaft als Ressource möglich, der auf traditionelle Bilder und Vorstellungen verzichtet und stattdessen neue Bilder und Bedeutungen schafft.

Ausgestellt an der 17. Internationalen Architekturausstellung La Biennale di Venezia 2021, Biennale Architettura 2021 «How will we live together?» Venedig, 22.05 – 21.11.2021

Video über das Exponat: Biennale Venezia Sneak Peek.

Video über die Entwicklung der Alpen von vor 120’000 Jahren bis 2100 (auf YouTube, Teil der Ausstellung).

Vorbestellung der Publikation «Moving Borders – Changing Alpine Landscapes», die die Beiträge der Biennale dokumentiert und ergänzt – mit wissenschaftlichen Essays, künstlerischen Arbeiten und umfangreichen Photos und Karten von Exkursionen in die Alpen. Erscheint im Oktober 2021 bei Lars Müller Publishers.

Bildlegende: «Common Water – the Alps» handelt von einem neuen Verständnis der Alpen als einer Landschaftsinsel, verdichtet als Städteband um Mitteleuropa. Die Alpen grenzen sich hier nicht ab, sondern interagieren mit den Stadtlandschaften ringsum. © Professur Günther Vogt, ETH Zürich.