Prof. Christophe Girot | Landschaftsarchitektur

Natur entwerfen. Zum Werk des Schweizer Landschaftsarchitekten Dieter Kienast (1945-1998)

Die Dissertation leistet die erste umfassende kritische Darstellung des Werks des Schweizer Landschaftsarchitekten Dieter Kienast von den 1970er Jahren bis in die 1990er Jahre. Ausgangspunkt ist Kienasts Ausbildung an der Gesamthochschule Kassel — ein Aspekt, der in der Kienast-Rezeption bisher weitgehend ausgeblendet wurde. Gezeigt wird, wie Kienast durch die Auseinandersetzung mit den Methoden der Pflanzensoziologie und der spontanen Vegetation der Stadt eine neue Ästhetik für das Gestalten mit Natur in der Stadt entwickelte, und wie er dabei von einem Lesen-Lernen der Stadtvegetation zu einem Lesbar-Machen seiner Arbeiten durch eine zeichenhafte und symbolische Pflanzenverwendung gefunden hat. Im Sinne der «Standortgerechtigkeit» für das Gestalten in der Stadt spielte in seinem Werk auch die Verwendung städtischer, armer Materialien wie Beton, Asphalt und Stahl eine grosse Rolle.

Nach seiner Rückkehr aus Kassel stellte Kienast der unter dem Eindruck der Naturgartenbewegung stehenden Schweizer Gartenarchitektur auf Form bedachte Konzepte entgegen. Die Frage der Alltagstauglichkeit seiner ab den 1990er Jahren entstandenen Werke, die von seinen Kritikern bestritten wird, stellt sich unter dem Gesichtspunkt seiner Kasseler Wurzeln neu: In der Dissertation wird die These vertreten, dass Kienast in seinen späteren Werken eine Modifikation des emanzipatorischen Gestaltungsparadigmas der Kasseler Schule vollzogen hat – von der praktischen Nutzung hin zu einer kontemplativen, wobei der subjektbezogene Fokus konstant geblieben ist. Zur Alltagsbewältigung zählte nun verstärkt die ästhetische Erfahrung.
Kienasts Stellung im kulturgeschichtlichen Kontext ist somit ambivalent: Wiewohl er sich eindeutig und bisweilen ostentativ postmoderner Verfahren bediente, bleibt er in seinem, in Kassel geschulten, absoluten und bisweilen utopischen Anspruch an das Wirkungspotential seiner Freiräume der Moderne verpflichtet. Somit entzieht er sich derlei Zuschreibungen. Ein Beleg dafür sind auch die wechselnden Inszenierungen seiner Werke durch Pläne, Texte, Ausstellungen, Fotografie und Video. Der Landschaftsarchitekt zeigt sich darin ebenso formbewusst wie eingedenk der Relativität von Form, ihrer Wirkweisen und individuellen Wahrnehmung.

Eine Datenbank, in der die Dokumente aus dem Nachlass in über 2000 Datensätzen registriert sind, ein geographisch geordnetes Werkverzeichnis der etwa 330 Arbeiten und eine umfangreiche Bibliographie ergänzt die Aufarbeitung dieses vielschichtigen Werks.

 

Abgeschlossenes Forschungsprojekt von Dr. Anette Freytag

Leitung

Prof. Christophe Girot

Koreferenten

Prof. em. Arthur Rüegg
Prof. Dr. Philip Ursprung

Publikation

2012